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Ein Samstagabend in der Turnhalle statt am Handy

Seit über 20 Jahren bietet die Offene Jugendarbeit Zürich «Midnight-Sports» an. Am Samstagabend treffen sich Jugendliche in Turnhallen, um Fussball oder Basketball zu spielen, oder einfach um gemeinsam Zeit zu verbringen. Eine Erfolgsgeschichte, die zeigt, welchen Wert Sport über Resultate und Wettkämpfe hinaus haben kann.

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Samstagabend im Kreis 4 in Zürich. Ein reizvoller Ort, gerade für junge Menschen. 500 Meter östlich lockt die Langstrasse mit Ausschweifung und Party. 500 Meter westlich im Letzigrund duellieren sich der FC Zürich und die Grasshoppers im Derby um die fussballerische Vorherrschaft in Zürich. Und dazwischen, in der Turnhalle Sihlfeld, treffen sich Jugendliche zum «Midnight-Sports».

Es ist 21 Uhr, als Elena Marti von der Offenen Jugendarbeit Zürich (OJA) die Turnhalle aufschliesst. «Heute ist Fussballderby, harte Konkurrenz», lacht sie. «Mal schauen, wie viele trotzdem zu uns kommen». Die OJA bietet Midnight-Sports seit 23 Jahren an, das Konzept wurde später von der Stiftung IdéeSport übernommen und schweizweit verbreitet. In Zürich gibt es Midnight-Sports mittlerweile an vier Standorten über die Stadt verteilt. Das Angebot richtet sich an Jugendliche zwischen 12 und 20 Jahren. Vor Corona kamen oft zwischen 40 und 90 Jugendliche am Samstagabend in die Turnhalle Sihlfeld. Seit Ausbruch der Pandemie sind es weniger. Die Gründe sieht Elena Marti darin, dass sich die Freizeit in der Pandemie stärker ins Private verlagert hat. Und auch die Maskenpflicht, die während dem Sporttreiben gilt, hat wohl den einen oder anderen abgeschreckt. (Anm.: Der Beitrag wurde im Februar 2022 realisiert. Zu dieser Zeit war das Tragen der Maske noch obligatorisch.)

«Es gehört zum Konzept von Midnight-Sports, dass die Jugendlichen vieles selbst organisieren.»

Kurz nach 21 Uhr kommen die beiden «Coaches» in der Turnhalle an. Chris ist 15 Jahre alt und einer dieser Coaches. Es gehört zum Konzept von Midnight-Sports, dass die Jugendlichen vieles selbst organisieren. Die OJA stellt ihnen dafür den Rahmen zur Verfügung und übernimmt als Organisatorin die Gesamtverantwortung. Das heisst: Die OJA-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter organisieren Material wie beispielsweise Hallenschuhe und garantieren eine professionelle Betreuung. Sie stellen die Coaches ein, begleiten sie und sorgen dafür, dass an jedem Abend zwei Coaches anwesend sind. In der Halle selbst sind dann die Coaches für den Auf- und Abbau sowie für den Spielablauf zuständig. Was gespielt wird, wie gespielt wird, welche Spielregeln gelten – all das bestimmen die Jugendlichen selbst, angeleitet von den Coaches.

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«Am Anfang braucht es etwas Mut, sich gegen Gleichaltrige oder gar gegen Ältere zu behaupten», sagt Chris. «Aber man gewöhnt sich schnell daran. Und jemand muss ja aufpassen, dass nicht alle nur Unsinn machen.» Die Coaches schliessen mit der OJA eine schriftliche Vereinbarung ab und werden auch finanziell entschädigt. «Wir nehmen die Coaches ernst und behandeln die Beziehung mit ihnen bewusst seriös mit Vertrag und Entschädigung, ein bisschen wie eine Arbeitsstelle. Sie sollen ja auch über den Spass hinaus etwas mitnehmen», erklärt Elena Marti. Der Stundenlohn entspricht dem Alter in Jahren, wie es bei der OJA üblich ist. Chris verdient als Coach also 15 Franken pro Stunde.

Organisation ist Sache der Jugendlichen

Nun heisst es, sich zu beeilen. Um 21.30 Uhr öffnen sich die Hallentüren für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Bis dahin will alles vorbereitet sein. Fein säuberlich werden die Hallenschuhe aufgereiht, der Schwedenkasten für die Eintrittskontrolle wird platziert und die Bälle werden gepumpt. Auch hier gilt: Die Jugendarbeiterinnen und Jugendarbeiter von der OJA helfen, wenn es Fragen gibt, aber die Organisation ist den jugendlichen Coaches überlassen. Und tatsächlich: Um 21.30 Uhr ist alles bereit. Und es dauert nicht lange, bis die ersten Jugendlichen eintrudeln.

«Wir stellen ein Angebot zur Verfügung. Ob und wie sie es nutzen, entscheiden die Jugendlichen selbst. Sie können auch einfach in die Turnhalle kommen, um abzuhängen oder sich im Winter aufzuwärmen, das ist völlig ok.»

Im Laufe des Abends zeigt sich dann, dass das Fussballderby heute wohl tatsächlich eine zu starke Konkurrenz ist. Die Teilnehmerzahl ist an diesem Abend eher bescheiden. Die Coaches reduzieren darum das angedachte Fussballturnier mit Teams spontan auf ein Eins-gegen-eins-Format. Auch das ist Realität in der Jugendarbeit, wie Elena Marti sagt: «Wir stellen ein Angebot zur Verfügung. Ob und wie sie es nutzen, entscheiden die Jugendlichen selbst. Sie können auch einfach in die Turnhalle kommen, um abzuhängen oder sich im Winter aufzuwärmen, das ist völlig ok». Und wie sieht es mit den Begleiterscheinungen jugendlicher Experimentierlust aus? «Bei Alkohol und Drogen in der Halle gibt es null Toleranz, wie generell in der Jugendarbeit. Wir können nicht verhindern, dass vorher jemand schon ein Bier getrunken hat, die meisten sind auch alt genug dafür. Aber wer betrunken auftaucht, darf nicht in die Halle», stellt Elena Marti klar.

Der Spass am Sport steht im Vordergrund

Gegen 23 Uhr ist das improvisierte Turnier in vollem Gange. Die jungen Sportler jubeln und feuern sich gegenseitig an. Die rein männliche Form ist in diesem Fall angebracht, denn tatsächlich sind an diesem Abend nur Jungs anwesend. Es gebe seit jeher eine starke männliche Übervertretung im Midnight-Sports, bestätigt Elena Marti. Die OJA hat das Angebot schon mehrfach angepasst und Werbemassnahmen ausprobiert, um Midnight-Sports für Mädchen und junge Frauen attraktiver zu machen. Trotzdem würden Mädchen und junge Frauen leider eher seltener teilnehmen. Immer wieder gibt es aber bei den einzelnen Standorten Mädchengruppen die regelmässig kommen.

«Es sind also die klassischen Sportmotive, die im Zentrum stehen: Spass, Freude, Zeit mit Freunden verbringen und sich in Spielen und Wettkämpfen messen.»

Und was schätzen denn die Jugendlichen an Midnight-Sports? «Es macht einfach Spass. Ich mache sehr gerne Sport, vor allem Ballspiele», sagt Chris, der sonst in seiner Freizeit für die U15 des FC Zürich spielt und von einer Profikarriere träumt. Das sieht auch Abdul so, der heute mit einem Freund zum Volleyballspielen hergekommen ist: «Hier kann man verschiedene Sportarten ausprobieren. Ich gehe sonst zweimal pro Woche ins Schwimmtraining, das ist sehr straff organisiert. Bei Midnight-Sports kann ich machen, wonach ich gerade Lust habe.» Es sind also die klassischen Sportmotive, die im Zentrum stehen: Spass, Freude, Zeit mit Freunden verbringen und sich in Spielen und Wettkämpfen messen, auch wenn es nicht um Pokale und Medaillen geht.

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Und worin sieht Elena Marti von der OJA die Vorteile von Midnight-Sports? «Es ist ein niederschwelliges und leicht zugängliches Angebot. Fussball, Basketball, Volleyball – dafür braucht es keine teure Ausrüstung und wenig Vorkenntnisse. Jugendliche können ihre überschüssige Energie rauslassen und Spass haben. Und wir bieten einen Treffpunkt, wo sie zusammen sein können, wo es warm ist und wo es keinen Eintritt und keinen Konsumationszwang gibt. Davon gibt es in der Stadt Zürich am Samstagabend nicht so viele.»

Gegen Mitternacht kehrt wieder Ruhe ein in der Turnhalle Sihlfeld. Im Quartier feiern noch einige FCZ-Fans lautstark den Derbysieg. Doch ansonsten ist es ein ganz normaler Samstagabend im Kreis 4. Mittendrin eine Handvoll Jugendliche, die sich nach zwei Stunden Sport und Spass auf den Heimweg machen und sich auf die nächste Ausgabe von Midnight-Sports freuen.

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